{"id":301,"date":"2018-02-28T14:08:52","date_gmt":"2018-02-28T13:08:52","guid":{"rendered":"http:\/\/shop.mittgard.de\/?page_id=301"},"modified":"2018-02-28T14:08:52","modified_gmt":"2018-02-28T13:08:52","slug":"alter-aberglaube-im-erzgebirge","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/shop.mittgard.de\/?page_id=301","title":{"rendered":"Alter Aberglaube im Erzgebirge"},"content":{"rendered":"<h1>Alter Aberglaube im Erzgebirge<\/h1>\n<p>Diesen Text habe ich in einem alten &#8222;Gl\u00fcckauf!&#8220;-Heft des Erzgebirgsvereins anno Februar 1933 gefunden und m\u00f6chte es Euch zur allgemeinen Belustigung nicht vorenthalten. Doch vergesst vor lauter Lachen und K\u00f6pfe sch\u00fctteln \u00fcber die bekloppten Gebirgler nicht hin und wieder auch ernsthaft zwischen den Zeilen zu lesen. Da kann man durchaus zwischen dem ganzen christlichen Unfug noch Reste alter heidnischer Br\u00e4uche erkennen!<br \/>\nIn den Jahren der beginnenden franz\u00f6sischen Revolution herrschten im Erzgebirge h\u00f6chst sonderbare abergl\u00e4ubische Vorstellungen, die in scharfem Widerspruch standen zum aufgekl\u00e4rten Geist jener Zeit. Diese ortsgeschichtlich interessanten \u00dcberlieferungen werfen ein helles Licht auf den Charakter der Bev\u00f6lkerung, deren innere Unfreiheit von damals wir heute nur noch schwer verstehen k\u00f6nnen.<br \/>\nUnter dem Bann solcher abergl\u00e4ubischen Ansichten standen besonders die Hochzeitsgebr\u00e4uche, wie \u00fcberhaupt das ganze eheliche Leben. Das fing schon bei der Trauung an. Wenn die Braut zum Altar schritt, um sich einsegnen zu lassen, so pflegten die Brautm\u00fctter zusammenzur\u00fccken, damit der Platz nicht kalt werde, auf welchem die Braut gesessen war. Sie glaubten allen Ernstes, die Liebe zwischen Braut und Br\u00e4utigam werde erkalten, wenn sie es nicht so machten.<br \/>\nDie Neuverm\u00e4hlten wurden in gro\u00dfe Unruhe versetzt, wenn an jenem Tag zuf\u00e4llig auch eine Beerdigung stattfand. Wenn dabei eine Ehefrau gestorben war, so glaubten sie felsenfest, der Br\u00e4utigam werde ein Witwer. Diese armen Bauersleute waren nicht von dem Wahn abzubringen, ihre Kinder m\u00fc\u00dften alle sterben, wenn die Beerdigung wegen eines Kindes stattfand.<br \/>\nIn ihrer abergl\u00e4ubischen Phantasie war das erste Kind stets ein M\u00e4dchen, wenn dem verlobten Paar w\u00e4hrend des Kirchgangs zuerst ein M\u00e4dchen begegnete. Im umgekehrten Fall mu\u00dfte es ein Knabe sein. Begegnete ihnen aber ein Knabe und ein M\u00e4dchen zugleich, so r\u00fcsteten sie sich auf die Ankunft von Zwillingen.<br \/>\nH\u00f6chst sonderbare Vorstellungen herrschten \u00fcber die Unfruchtbarkeit der Frauen. Man lebte in der Chemnitzer Umgebung in der \u00dcberzeugung, die unfruchtbare Frau m\u00fcsse mit dem Tischtuch geworfen werden, dessen man sich bei der ersten Taufmahlzeit bediente. Viele achteten genau darauf, wer von den Eheleuten zuerst aus dem Bett steige. Dieser Ungl\u00fccksvogel mu\u00dfte nach dem herrschenden Glauben zuerst sterben.<br \/>\nDas Brautbett wurde sowohl in der Stadt wie auf dem Lande von den Paten weiblichen Geschlechts vorbereitet, wobei das Stroh einzeln hineingelegt werden mu\u00dfte. Au\u00dfer Eltern, Paten und sonstigen nahen Angeh\u00f6rigen durfte niemand in die Brautkammer kommen. Man glaubte auch streng vermeiden zu m\u00fcssen, da\u00df jemand auf das Bett schlug. Es durfte nur sanft gestrichen werden. Oft waren die meist geliehenen Brautbetten so hoch, da\u00df zuweilen ein Kissen herunterfiel. Wenn dieses Ungl\u00fcck eintrat, so zweifelte der Ehemann nicht mehr, da\u00df er zuerst sterben werde.<br \/>\nAm Hochzeitstag pflegten sich die Paare \u00fcber das Kreuz zu waschen, damit sie in ihrem Ehestand nicht beschrieen w\u00fcrden. Vom sogenannten Hochzeitsbrot mu\u00dfte immer etwas aufgehoben werden, weil die Eheleute der Meinung waren, auf diese Weise k\u00f6nnten sie k\u00fcnftigen Nahrungssorgen entgehen.<br \/>\nAber auch auf andern Gebieten breitete sich ein merkw\u00fcrdiger Aberglaube aus. So galt es als eine unantastbare Wahrheit, da\u00df ein Kranker sterben werde, wenn in der Kirche f\u00fcr ihn gebetet w\u00fcrde, und dabei v\u00f6llige Stille herrschte. Nur wenn jemadn hustete, oder sonst ein ger\u00e4usch vernehmbar war, blieb er am Leben. Jeder Kranke, der nach empfangenem Abendmahl zu essen begehrte, wurde f\u00fcr verloren gehalten. Wenn er aber nur zu trinken w\u00fcnschte, so glaubte jeder, da\u00df er wieder gesund werde.<br \/>\nDen Frauen, welche Kr\u00f6pfe bekamen, sch\u00e4rfte der Volksmund ein sonderbares Heilmittel ein. Sie m\u00fc\u00dften bei zunehmenden Mond, sagte man ihnen, jeden Abend den werdenden Kropf streicheln und die Augen auf den Mond gerichtet, dreimal sprechen: &#8222;Was ich sehe, vermehre sich, was ich genie\u00dfe, verzehre sich.&#8220;. Dieses Spiel sollte solange wiederholt werden, bis eine Besserung eintrat. Viele k\u00e4mpften schon damals gegen solche Verirrungen an und wandten dagegen ein, die Religion werde mi\u00dfbraucht, und au\u00dferdem h\u00e4tte der ganze Schwindel ja gar keinen Wert. Aber die Bauern lie\u00dfen sich ihr Geheimnis nicht nehmen.<br \/>\nWenn auf der Stra\u00dfe die Hunde heulten, so war man sich dar\u00fcber einig, da\u00df in der N\u00e4he ein Feuer entstehen oder in der Nachbarschaft irgend jemand sterben werde. Das neu aufgenommene Gesinde durfte am ersten Sonntag nicht in die Kirche gehen, weil man f\u00fcrchtete, es werde sich sonst nicht &#8222;eingewohnen&#8220;. Die Kr\u00e4hen, die schreiend um ein Haus flogen, zeigten irgendeinen Todesfall an, und wenn dabei auch nur irgendein St\u00fcck Vieh umkommen sollte. Die Kirchenglocken, die nochmals anschlugen, wenn das Gel\u00e4ute bei einer Beerdigung aus war, forderte bald ein neues Opfer aus der Gemeinde. Wenn dabei die gro\u00dfe Glocke anschlug, so mu\u00dfte eine erwachsene Person sterben, die mittlere kostete einen jungen Menschen und die kleine ein Kind.<br \/>\nWer bei abnehmenden Mond in eine neue Wohnung zog, dem prophezeite man Ungl\u00fcck und behauptete, sein Verm\u00f6gen werde abnehmen. Die Brautleute achteten sehr genau auf diese Regel, umso mehr, als sie reich werden zu k\u00f6nnen meinten, wenn sie bei Regenwetter einzogen. Beim Einzug selbst gab es meist eine Tierqu\u00e4lerei: wer eine neue Wohnung bezog, mu\u00dfte zuerst etwas Lebendes, eine Katze oder einen Hund hineinwerfen, denn es ging das Ger\u00fccht, wer zuerst eintrete, m\u00fcsse sterben.<br \/>\nWenn die Zimmerleute zu einem neuen Bau Holz f\u00e4llten, so sprang oft beim ersten Hieb Feuer heraus. In solch einem Fall meinten sie, das Geb\u00e4ude werde bestimmt abbrennen, welches aus diesem Holz erbaut w\u00fcrde. Einmal soll ein Mann das v\u00f6llig gezimmerte Holz verkauft haben, als er h\u00f6rte, deim Zimmern seien Funken herausgesprungen. Alle Versuche, ihn vom Unsinn seiner Einbildung abzubringen, schlugen fehl. Er verkaufte mit Schaden und glaubte nicht an eine nat\u00fcrliche Ursache jener Funken. Wer ein neues Haus kaufte und die Absicht hatte, darin zu bleiben, der mu\u00dfte in den Ofen schauen &#8222;um sogleich einzugewohnen&#8220;. Das neu einziehende Gesinde mu\u00dfte diese Torheit auch mitmachen und au\u00dferdem der Herrschaft durch die Beine kriechen.<br \/>\nBesonders merkw\u00fcrdig ist ein vielgeprie\u00dfenes Universalheilmittel gegen Zahnschmerzen. Bei Kindern, welche die ersten Z\u00e4hne verlieren, sollten die Eltern, bei den M\u00e4dchen der Vater, bei den Knaben die Mutter, die ersten ausgefallenen Z\u00e4hne verschlucken. Man glaubte allen Ernstes, diese Kinder blieben ihr Leben lang von allen Zahnschmerzen verschont.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Entnommen aus dem &#8222;Gl\u00fcckauf!&#8220;-Heft des Erzgebirgsvereins anno Februar 1933<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alter Aberglaube im Erzgebirge Diesen Text habe ich in einem alten &#8222;Gl\u00fcckauf!&#8220;-Heft des Erzgebirgsvereins anno Februar 1933 gefunden und m\u00f6chte es Euch zur allgemeinen Belustigung nicht vorenthalten. 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