{"id":6722,"date":"2019-01-13T12:25:14","date_gmt":"2019-01-13T11:25:14","guid":{"rendered":"http:\/\/shop.mittgard.de\/?page_id=6722"},"modified":"2020-10-30T14:18:12","modified_gmt":"2020-10-30T13:18:12","slug":"die-weisse-frau-auf-dem-rabenstein","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/shop.mittgard.de\/?page_id=6722","title":{"rendered":"Die wei\u00dfe Frau auf dem Rabenstein"},"content":{"rendered":"<h1>Burg Rabenstein (Chemnitz\/Sa.)<\/h1>\n<h2>Die wei\u00dfe Frau auf dem Rabenstein<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war zur Zeit der Kreuzz\u00fcge. Viele fromme Ritter zogen damals in ihren gl\u00e4nzenden R\u00fcstungen auf gepanzerten Pferden ins ferne Morgenland, um mit dem Schwerte in der starken Faust den verhassten Heiden die Herrschaft \u00fcber das Grab Jesu und \u00fcber Jerusalem und das ganze Heilige Land zu entrei\u00dfen. Aber auch ehrvergessene Raubritter gab es damals in den deutschen Landen. Durch eigene Faulheit und durch die fortw\u00e4hrenden H\u00e4ndel&#8220; mit den Rittern ihrer Nachbarschaft waren sie verarmt. Ihre Felder lagen brach. Ihr Vieh war verwahrlost. Das, was sie zum Leben auf ihren Raubnestern brauchten, verschafften sie sich dadurch, dass sie Kaufleute, die auf gro\u00dfen Wagen die Waren ferner L\u00e4nder nach ihrer Heimatstadt bringen wollten, \u00fcberfielen, beraubten und t\u00f6teten oder gefangen nahmen.<br \/>\nJust um diese Zeit wohnte auf der Burg Rabenstein ein Ritter mit Frau und Dienerschaft. Er hatte eine einzige Tochter. Sie war der Stolz und die Freude aller. Glockenhell klang ihr Lachen durch die Burg und den Park. Und keine Sch\u00f6nere gabs im ganzen Lande als das Burgfr\u00e4ulein vom Rabenstein. Von weit und breit kamen die jungen Ritter und begehrten sie zur Gemahlin. Zwei Ritter betrieben ihre Bewerbungen besonders eifrig. Das waren die von Waldenburg und von Neukirchen. Von dem Neukirchener mochte das Burgfr\u00e4ulein nichts wissen. Er war ein aufbrausender, j\u00e4hzorniger Mann. Ein Ger\u00fccht erz\u00e4hlte sogar von ihm, dass er bisweilen auch im Stegreif s\u00e4\u00dfe. Da er jedoch ein sehr trinkfester Herr war wie der Rabensteiner Ritter, so h\u00e4tte dieser ihn ganz gern als Tochtermann gesehen. Die sch\u00f6ne Rabensteinerin aber schenkte ihre ganze Huld dem Waldenburger, freilich gegen den ausdr\u00fccklichen Willen ihres Vaters. Den vereinten Bitten von Mutter und Tochter gelang es erst, seinen Widerstand zu brechen, nachdem einige Ruchlosigkeiten des Neukirchners zu Tage gekommen waren. Der ehrliche Burgherr von Rabenstein machte seinem Trinkkumpane gegen\u00fcber auch gar kein Hehl aus seiner ver\u00e4nderten Meinung.<br \/>\nDa kannte die Wut des Neukirchners keine Grenzen. Er schwur Rache. Auf gemeine, hinterlistige Weise bem\u00e4chtigte es sich des Waldenburgers, lie\u00df ihn auf seine Neukirchner Burg schleppen, ins Burgverlies werden und dort j\u00e4mmerlich umkommen. Aber sein Rachedurst war noch nicht gestillt. Mit all seinen Reisigen brach er von Neukirchen auf und r\u00fcckte nach Rabenstein, um die Feste zu belagern.<br \/>\nDort sah es jetzt nicht mehr aus wie zu Beginn unserer Erz\u00e4hlung: Das sch\u00f6ne Burgfr\u00e4ulein hatte das Lachen g\u00e4nzlich verlernt. Es weinte sich die \u00c4uglein rot, nicht nur um ihren Geliebten. Auch die Schlo\u00dfherrin, ihre Mutter war gestorben. Die Sorge um die Zukunft der Tochter und der Gram \u00fcber die h\u00e4ufigen harten Worte ihres Gatten und \u00fcber das grausame Schicksal des Waldenburger Ritters hatten sie ins Grab gebracht. Sie lag schon einige Wochen unter dem gr\u00fcnen Rasen, dort, wo heute die Mondscheinlinde steht. Das arme verwaiste Burgfr\u00e4ulein a\u00df und trank nicht. Es sa\u00df von fr\u00fch bis abends am Grabe der Mutter und weinte.<br \/>\nDa &#8211; der Turmw\u00e4chter st\u00f6\u00dft ins Horn: Feindio!&#8220; Mordio!&#8220; Kommandorufe erklingen, und die Ketten der Zugbr\u00fccke rasseln. Die Br\u00fccke wird hochgezogen. Da schwirren auch schon die ersten Pfeile durch die Luft. Doch die Burgmannen sind der Neukirchner \u00dcbermacht nicht gewachsen. Mit Rei\u00dfig und Stroh f\u00fcllt der Feind an einigen Stellen den Wallgraben aus und ersteigt den Wall. Der Kampf wogt weiter bis in die D\u00e4mmerung hinein. &#8211; Horch! Kettengerassel! Richtig: Die Zugbr\u00fccke senkt sich. Jetzt, sch\u00f6ne Rabensteinerin, wehe dir! Der Erste, der auf die Br\u00fccke sprengt, ist der Neukirchner, seine Mannen mit Sieggeschrei hinter ihm drein. Doch, was ist das? Das Streitross des Neukirchner Siegers b\u00e4umt sich. Das Freudengeschrei verstummt pl\u00f6tzlich. Alles steht wie gebannt. Aller Augen sind, weit aufgerissen, nach der Mitte der Zugbr\u00fccke gerichtet. Ein Schauer geht durch die kampfgewohnte Schar der Mannen: Auf der Br\u00fccke, unmittelbar vor dem Ritter, steht eine wei\u00dfe Gestalt, die die Knochenhand nach dem Z\u00fcgel des Ritterrosses erhebt. Der Reiter dr\u00fcckt ihm die Sporen in die Weichen. Da springt es zur Seite und schleudert seinen Herrn aus dem Sattel. Der st\u00fcrzt hinab in den Burggraben. Mit gebrochenem Genick bleibt er liegen. Das Pferd aber wendet sich, und in wildem Laufe geht es durch, zur\u00fcck den Weg, den es kam, &#8211; und hinter ihm her die Neukirchner. Die wei\u00dfe Frau!&#8220; Die wei\u00dfe Frau!&#8220; Die wei\u00dfe Gestalt hat sich &#8211; nach ihrer \u00dcberzeugung &#8211; an die Fersen der Fliehenden geheftet. Noch kurz vor ihrer Heimat Neukirchen soll sie hinter ihnen im Abenddunkel wahrzunehmen gewesen sein. &#8211;<br \/>\nSo r\u00e4chte der Geist der verstorbenen Schlo\u00dfherrin die Freveltaten des Neukirchners.<br \/>\nUnd was wurde aus dem armen lieben Burgfr\u00e4ulein? Das Kampfget\u00f6se hatte sie zu sehr in Aufregung gebracht. Nach dem fluchtartigen Abzuge der Feinde hatte sie sich todesmatt an ihr Lieblingspl\u00e4tzchen geschleppt, an das Grab ihrer Mutter. Dort fand sie auch ihren Vater. Lebend kam sie nicht wieder in die Burg ihrer Ahnen. Mit matter Stimme noch bittet sie Lass mich hier, beim M\u00fctterlein, den langen Schlaft tun. Und hole mir meinen toten Herzallerliebsten aus dem Neukirchner Hungerturme, und vereine uns wenigstens im Tode&#8220;. Noch ein letzter Seufzer &#8211; und ein junges Leben, voll von Entt\u00e4uschungen, hat geendet.<br \/>\nGetreulich erf\u00fcllte der Ritter die letzten W\u00fcnsche seiner Tochter. Eine junge Linde pflanzte er auf das dreifache Grab. Dann aber leidet es ihn nicht mehr in den einsamen Mauern. Gerade jetzt wird in deutschen Landen wieder zum Kreuzzuge ger\u00fcstet. Er schlie\u00dft sich den Kreuzfahrern an. &#8211; Vielleicht ist er im Heiligen Lande gefallen.<br \/>\nKein Rabensteiner hat ihn je wieder gesehen. Aber als vor 60 und mehr Jahren der verlassene, \u00f6de Rittersaal noch als Obstkammer benutzt wurde, da hat mancher Wanderer zur mittern\u00e4chtlichen Stunde aus der altersgrauen Ruine ein Poltern geh\u00f6rt, das ihn gruseln machte. Und um dieselbe Zeit konnten Gl\u00fcckskinder auch die wei\u00dfe Frau&#8220; um die Mondscheinlinde wandeln sehen. Und in den Zweigen der Linde singt der Wind seit Jahrhunderten das alte Lied von Liebe und Hass, von Gl\u00fcck und Tod.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: right;\"><a href=\"https:\/\/shop.mittgard.de\/?page_id=6724\">n\u00e4chste Seite<\/a><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Burg Rabenstein (Chemnitz\/Sa.) Die wei\u00dfe Frau auf dem Rabenstein Es war zur Zeit der Kreuzz\u00fcge. 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