{"id":6757,"date":"2019-01-13T12:59:40","date_gmt":"2019-01-13T11:59:40","guid":{"rendered":"http:\/\/shop.mittgard.de\/?page_id=6757"},"modified":"2019-01-13T13:15:38","modified_gmt":"2019-01-13T12:15:38","slug":"schuhwerk-des-orients","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/shop.mittgard.de\/?page_id=6757","title":{"rendered":"Schuhwerk des Orients"},"content":{"rendered":"<h1>Schuhwerk des Orients<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits seit zehn Wochen darbe ich in einem arabischen Verlie\u00df vor den Toren Kairos, der stolzen Mutter aller St\u00e4dte, wo mich die Kerkermeister Salah-ed-Dins festhalten.<br \/>\nImmernoch tobt im Heiligen Land Krieg, auch das christliche K\u00f6nigreich \u00c4gypten ist in der Hand der Ungl\u00e4ubigen, wohin mich das Verh\u00e4ngnis f\u00fchrte, seit ich dem Ruf zum Kreuzzug ins Morgenland folgte. Viel ist seither geschehen, und ich hatte viel Gelegenheit, das Leben im Orient zu studieren, ja, ich m\u00f6chte soweit gehen, mich selbst nach so langer Zeit schon fast als halben Araber zu bezeichnen. Die Muselmanen sind eine seltsame Mischung der verschiedensten V\u00f6lkerschaften. Hier in Nordafrika trifft man auf blau\u00e4ugige Berber, schwarzsch\u00f6pfige Araber aus den weiten W\u00fcsten der R\u00e4nder der Welt im Osten, dunkelh\u00e4utige Fellachen, die f\u00fcr die arabischen Herren die Frohndienste verrichten und zu Lebzeiten ihren Blick nicht \u00fcber die Ackerfurchen erheben, Nubier so schwarz wie die Nacht mit schwellenden Lippen. Alle habe sie ihre Besonderheiten, doch alle h\u00e4ngen sie hartn\u00e4ckigster Weise ihrem Glauben an, der sie Mohammed preisen l\u00e4sst und sie zwingt, sich zu f\u00fcnf Zeiten des Tages mit Wasser zu s\u00e4ubern, weswegen die alleinseligmachende Kirche ihnen den Kampf angesagt hat bis zu dem Tag, da die Heiligen St\u00e4tten der Christenheit befreit sein werden. Doch ich schweife ab, wollte ich \u00fcber die Handwerkskunst der Sarazenen berichten, die es mir besonders angetan und die ihresgleichen in der Welt nicht findet.<br \/>\nDie Edlen unter ihnen schm\u00fccken sich mit Gold und Edelsteinen und tragen feinste Tuche, deren G\u00fcte und Herrlichkeit im Abendlande unbekannt sind. Auch verm\u00f6gen sie sich vermittelst der aromatischsten Essenzen in einen derartigen Duft zu h\u00fcllen, dass einem der Verstand zu schwinden droht, so man sich ihnen n\u00e4hert.<br \/>\nDie Schuhe werden von spitzen, arthaftig nach oben geringelten Schn\u00e4beln geziert, was einen gleich an die Heimat erinnert, jedoch derart mit Stickereien von Gold \u00fcbers\u00e4t, dass einem schier die Augen vom Glanze tr\u00e4nen und man besch\u00e4mt den Blick abwenden mu\u00df.<br \/>\nSelbst unser Hoher Kaiser kann von solcher Pracht nur tr\u00e4umen, m\u00f6ge ihn Gott noch lange erhalten.<br \/>\nZum Zwecke der Illustration und Lehre habe ich umfangreiches Bildmaterial gesammelt, das hiermit der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht wird.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-6758\" src=\"http:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb1.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"176\" \/>Vor Jahrtausenden, so wurde mir berichtet, wandelten die K\u00f6nige auf Schuhwerk, wie es Abb. 1 wohl zeigt. Schon damals war es die Mode, einen royalen Treter mit einer extravaganten Spitze zu versehen und diese nach oben und hinten zu binden.<br \/>\nDie Sohle besteht aus zwei deckungsgleichen, miteinander vern\u00e4hten St\u00fccken, zwischen denen die Riemen befestigt werden, die dann durch die Zehen nach oben zum Spann verlaufen, wo sie auf einen breiteren Querriemen treffen, der \u00fcber den Spann selbst verl\u00e4uft und dem ganzen den Charakter eines ordin\u00e4ren Sappers gibt (Sapper ist der Name eines Filzpantoffels der Altvorderenzeit, heutigentags von fremdartiger Ware meist aus welschen Landen verdr\u00e4ngt) <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6759\" src=\"http:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb2.jpg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"83\" \/>In vereinfachter Weise mag wohl Abb. 2 verdeutlichen, in welcher Manier die Fu\u00dfbekleidung der alten K\u00f6nige \u00c4gyptens hergestellt war. Im\u00a0\r\n\t<a class=\"paoc-popup-click paoc-popup-cust-6772 paoc-popup-simple_link paoc-popup-link\" href=\"javascript:void(0);\">Detail<\/a>\r\n\r\n sollte deutlich zu erkennen sein, wie Riemen durch einen Schnitt in der Obersohle in den Zwischenraum der beiden Sohlenteile abtauchen.<br \/>\nEbenso erkennt der wohlwollende Betrachter geflissentlich, dass sich das System, mit dem der Fu\u00df auf der Unterlage gehalten wurde, bis in die jetzige Zeit nur unwesentlich ver\u00e4ndert hat. Das sollte einen in Staunen versetzen, haben die Gehhilfen aus Abb. 1 doch nach der \u00dcberlieferung bereits 4000 Jahre auf dem Leder &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes ein biblisches Alter.<br \/>\nDoch weiter in der Geschichte.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-6763\" src=\"http:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb4.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"193\" \/>Wenden wir den Blick ins hier und jetzt. Der einfache Mann in der Stra\u00dfe (das ist meist ein landfl\u00fcchtiger Bauer, Zigeuner, Musikant oder Student, oder kann aus einem anderen guten Grund kein anst\u00e4ndiges Leben f\u00fchren wie etwa Schinder, Henker, Barbiere, Bader) l\u00e4uft wie unsereins im Heiligen R\u00f6mischen Reich Deutscher Nation anno 1423 barfu\u00df durch die Weltgeschichte, er lebt ja auch im Jahre 1423, nur eben anno hidschriae, nicht domini. Aber wer wollte auf derlei Kleinigkeiten herumreiten. Diejenigen, so sich zum stolzen Stande der Handwerker z\u00e4hlen, bevorzugen, wenn sie es sich leisten k\u00f6nnen, Schuhwerk der Abb. 2 oder besser Abb. 4. Letztere zeigt ein Erzeugnis, das man Spitzpantoffel nennen m\u00f6chte. Sehr sch\u00f6n ist im \r\n\t<a class=\"paoc-popup-click paoc-popup-cust-6774 paoc-popup-simple_link paoc-popup-link\" href=\"javascript:void(0);\">Detail<\/a>\r\n\r\n der qualit\u00e4tvoll ausgef\u00fchrte Sohlenschnitt zu sehen, dessen Bedeutung und Herstellung fr\u00fcheren Aufs\u00e4tzen bez\u00fcglich der Lederbearbeitung bzw. der Schuhmacherei aus meiner Feder zu entnehmen sind.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6765\" src=\"http:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb6.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"175\" \/>Interessant an diesem Modell ist das Vorhandensein einer vollst\u00e4ndig ausgepr\u00e4gten Kappe, die jedoch, um das Niedertreten durch nichtsnutzige Bauerntrampel vorwegzunehmen, gleich nach innen geschlagen wurde und dort an der Brandsohle befestigt wurde, wie Abb. 6 vorf\u00fchrt. Ja, ich sah sogar Ausf\u00fchrungen, bei denen die Brandsohle dar\u00fcbergen\u00e4ht wurde.<br \/>\nDas Spitzenteil zeigt keine Naht entlang dem Spann. Auch ist es nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig in die L\u00e4nge gezogen, da dieses Schuhwerk rein praktischen Zwecken dient, die der harte Alltag im Leben der Handwerker und Kleinh\u00e4ndler vorgibt. So habe ich in Kairo auf meinen langen Streifz\u00fcgen hier durch den Souq (Bazar) und das Islamische Viertel niemals derartige Schuhe aus anderem als grobem Leder gesehen, von groben H\u00e4nden grob zusammengen\u00e4ht. Sie sind f\u00fcr 2000 Piaster zu erwerben, wenn man den Arabern eine Freude macht und mit ihnen handelt. Mit gezogenem Schwert ist zwar g\u00fcnstiger Ware zu haben, aber zu solchen Mitteln greift ein ehrenvoller Krieger Gottes doch nur bei Belagerungen, Ausr\u00e4ucherungen, Brandschatzungen, spontanen Metzeleien an der Zivilbev\u00f6lkerung, generell also nur im Notfalle, oder es dienlich erscheint.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-6766\" src=\"http:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb7.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"200\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6767\" src=\"http:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb8.jpg\" alt=\"\" width=\"315\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb8.jpg 315w, https:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb8-300x190.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 315px) 100vw, 315px\" \/>Doch alle diese Abarten von Schustergut kann ein Mann von Rang nur mit Geringsch\u00e4tzigkeit dem P\u00f6bel \u00fcberlassen. Ihm sollten hochwertige Kostbarkeiten vorbehalten sein, wie man sie in Abb. 7 (links) und Abb. 8 (rechts) erblicken und bewundern kann.<br \/>\nDoch es ist wohl das Schicksal unserer Tage, dass sich die Gemeinen erheben und dazu aufschwingen, es den Edlen gleichtun zu wollen! Welch Elend und Sittenverfall kam seither \u00fcber die Welt! Wenn Geburt und Blut nichts mehr z\u00e4hlt und die Bauern regieren! Und so mag es nicht verwundern, wenn in k\u00f6niglichen Kleidern ein entlaufener Leibeigener seine Herren vor sich hertreibt wie Vieh. Unheil, Unheil.<br \/>\nDoch zur\u00fcck zu dem Objekte unseres Augenmerks: Den Schuhen aus Abb. 7 und 8. Es findet sich ein entscheidender Unterschied zu den vorangegangenen Abhandlungen. Die Ausbildung der Sohlennaht wie \u00fcberhaupt der Sohle. Es ist deutlich zu erkennbar, dass dieser Schuh nicht N\u00e4sse und Schmutz trotzen mu\u00df oder generell eine ann\u00e4hernd normale Laufleistung zu gegenw\u00e4rtigen hat. Die Sohle ist aus 2 mm d\u00fcnnem, weichem Leder gefertigt, ebenso wie die Brandsohle, die deckungsgleich mit jener ausf\u00e4llt (\r\n\t<a class=\"paoc-popup-click paoc-popup-cust-6777 paoc-popup-simple_link paoc-popup-link\" href=\"javascript:void(0);\">Detail<\/a>\r\n\r\n). Es existiert kein Sohlenschnitt! Die Naht wurde senkrecht durch Brandsohle, Spitzen- und Kappenteil sowie Laufsohle gef\u00fchrt, so dass der Zwirn an der Unterseite des Schuhes blankliegt. Ein Zeichen daf\u00fcr, dass der Tr\u00e4ger die Fortbewegung zu Pferd oder S\u00e4nfte bevorzugt!<br \/>\nDer extrem feine Schnabel hat die L\u00e4nge eines halben Fu\u00dfes. Die Spitzen- und Kappenteile sind v\u00f6llig bedeckt mit aufwendigen Stickereien, die in dem \u00fcber das Oberleder gelegten roten Samt von derselben Gr\u00f6\u00dfe eingearbeitet wurden. Entlang dem Maul des Schuhes verl\u00e4uft ein hauchd\u00fcnner Saum, der die Kanten von Samt und Oberleder verschlie\u00dft.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-6769\" src=\"http:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb10.jpg\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"148\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6770\" src=\"http:\/\/shop.mittgard.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/abb11.jpg\" alt=\"\" width=\"221\" height=\"148\" \/>Das Muster selbst zeigt strenge geometrische Quadrat-, Kreis- und Sterngebilde, wie sie sich in fast jeder Arbeit arabischer Herkunft offenbaren. Siehe hierzu Abb. 10 (links) und Abb. 11 (rechts).<br \/>\nDoch auch im Morgenland liegen derartige Kleinode nicht an jeder Stra\u00dfenecke. Es gibt nur wenige Werkst\u00e4tten, die diese Kunst in solcher Vollendung pflegen. Dementsprechend lassen sie es sich entlohnen. So denke denn immer an Deinen Geldbeutel, geduldiger Leser, wenn Du Deine gierigen Blicke auf Ziel lenkst, die au\u00dferhalb Deiner M\u00f6glichkeiten liegen und Dich ins Verderben st\u00fcrzen k\u00f6nnen. Nicht selten endete solch Unterfangen im Wahnsinne\u0085 Genug aber nun der leeren Rede!<br \/>\nEin Ritter, der nicht haut und sticht, ist auch kein richt&#8217;ger Ritter nicht, sagt deshalb schon eine alte Ritterregel.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Loke Klingsor<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schuhwerk des Orients Bereits seit zehn Wochen darbe ich in einem arabischen Verlie\u00df vor den Toren Kairos, der stolzen Mutter aller St\u00e4dte, wo mich die Kerkermeister Salah-ed-Dins festhalten. 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